CHRISTOF LAUER ODYSSEA SONORUM (AN:BRUCH 2026             LC 24625)

Der Frankfurter Jazz-Saxofonist und „Welt-Musiker“ Christof Lauer ist heute mein Gast, ich habe ihn anlässlich seines neuen Albums Odyssea Sonorum besucht und mit ihm über diese sehr besondere Klangreise, der Odyssee der Töne gesprochen. Auf diesem Album sind nur Saxofon Solo Stücke, reine Improvisation, eine Auswahl aus seinen Konzerten in der Frankfurter Alten Nikolaikirche. Christof Lauer spielt jeden zweiten Montag im Monat 30 bis 40 Minuten solo, er spielt mit dem Raum, er improvisiert.

Dieses Album hat vor ein paar Tagen den Preis der Deutschen Schallplattenkritik 3/2026 bekommen, Herzlichen Glückwunsch!

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Christof, lass uns heute in die Kirche gehen bzw über die Kirche und diese besonderen Klänge sprechen. Ist es denn eine zwangsläufige Entwicklung, wenn man ein Leben lang Musik gemacht hat und gespielt hat, dass der Pastorensohn Christof Lauer, dann im etwas höheren Alter anfängt, Solo in der Kirche zu spielen?

Nein, zwangsläufig ist das nicht, eher eine zufällige Entwicklung. Ich habe früher auch schon ab und zu mal in Kirchen gespielt, im „jüngeren Alter“, hier hängt es aber wirklich nur mit dieser Idee zusammen, in einem guten akustischen Raum die eigene Idee des Solospiels neu zu verwirklichen.

Was ist denn ein guter akustischer Raum?

Zum Beispiel sind Kirchen in der Regel gute akustische Räume. Natürlich gibt es auch solche, die sich von der Akustik her nicht so gut eignen, aber das ist eher selten. Es gibt auch andere Räume, die akustisch toll sind, aber die Kirche ist etwas ganz Spezielles, hier geht es um die Höhe des Raums, und viele gerade alte Kirchen haben ja mehrere Kuppeln, wo die Akustik wieder eine ganz andere ist. Das kannst Du nur beim Spielen herausfinden und erleben. Ich muss die Kirche und die Geschichte nicht kennen, ich bin wirklich ganz fasziniert von der Akustik, die sich dann in diesen Räumen entwickelt. Also ich beschäftige mich erstmal nicht mit dem Hintergrund der Kirche oder mit der geschichtlichen Bedeutung der Kirche.

Ist das Solo Saxofon Spielen denn jetzt eine notwendige Entwicklung, war das jetzt einfach mal dran? Ist das jetzt eine neue Herausforderung?

Ja schon, aber die Idee war schon lange da, schon zu meiner Hamburger Zeit, (Anmerkung: Christof Lauer war viele Jahre festes Mitglied der NDR Bigband) das mal  anzugehen. Aber der Gedanke war nie, mich hinzustellen, und dann verschiedene Stücke zu spielen, sondern aus dem Stegreif zu spielen, also wirklich zu improvisieren im wahrsten Sinne des Wortes, ohne Vorlage und ohne vorher etwas vorbereitet zu haben. Das war die Idee, die schon lange in meinen Kopf kreiste.

Geht das immer?

Es geht. Am Anfang habe ich es ja auch nicht so gehandhabt, sondern habe tatsächlich auch alte Stücke gespielt, oder habe über alte Stücke improvisiert. Ich bin da auch  erst langsam hingekommen, weil ich es mir am Anfang nicht zugetraut habe, auch über diesen langen Zeitraum von 30 bis 40 Minuten ein ganz neues Gebilde aus einem Guss zu schaffen oder das wenigstens zu versuchen.

Ist es dann auch Tagesform abhängig?

Es ist oft Tagesform abhängig. Ich meine generell, die Art, in der ich und viele andere improvisierte Musik machen, ist bestimmt Tagesform abhängig. 

Wo kommt dann der Input her, wenn du da allein auf der Bühne bist?

Der Input kommt aus mir, und er kommt von den anwesenden Zuhörern, dem Publikum, das man spürt und natürlich kommt er von der Akustik, die da mitspielt, die großen Einfluss hat auf das, was man kreiert und was sich dann aus dem Spielen entwickelt. 

Spielt es eine Rolle, ob da Leute sitzen, die sich mit Jazz auskennen oder jetzt wie in der alten Nikolaikirche, wo ich sehr überrascht war, was da für ein gemischtes Publikum kommt. Dass man einfach mal, wenn man auf dem Römer ist oder vom Job kommt, vorbei schaut und zuhört und dann mit glänzenden Augen wieder rausgeht, sonst aber wohl eher selten in Jazzkonzerte geht?

Ich brauche kein ausgewiesenes Jazzpublikum, denn das ist ja auch die Idee, dass da eigentlich ein möglichst breites Publikum kommt, ich will einfach viele Zuhörer ansprechen. Noch mal, man muss kein Jazz-Fan sein, um sich das anzuhören, sondern es soll eigentlich für jeden schön sein, der kommt. Ich meine, der Begriff Jazz ist ohnehin sehr weit geworden und das finde ich gut. Sobald man ihn zu eng fasst wird er schnell zu einer Begrenzung.

Passt Jazz deshalb auch besonders gut in einen kirchlichen Raum?

Ich finde es gut, in der Kirche zu spielen, ich empfinde diese Räume als etwas besonderes. Es ist schön, wenn Menschen hier zusammenkommen, die sonst nicht anzutreffen wären. Die Kirche ist ja ein Ort in dem etwas verkündet wird. Text, Wort Musik. Darin liegt eine gewisse Kraft. Für mich sind Kirchen durchaus sehr spirituelle Orte, auch wenn man selbst nicht kirchlich gebunden ist.

Kann denn dann Jazz auch klassische Musik sein, weil es eine Kunst ist, anders zu improvisieren?

Klar, es ist die Kunst der Interpretation, und es ist durchaus möglich, dass ein Werk von einem Komponisten gespielt von drei Interpreten dreimal anders klingen kann. Und für mich ist das auch eine Art von Improvisation, oder eben Jazz.

Hättest du den alten Bach gern mal in der Kirche an der Orgel gehört?

Oh ja, unbedingt

Hat denn die Stadt Frankfurt da irgendwie noch eine Bedeutung? Die alte Jazzhauptstadt, in der du wohnst und lebst?

Während des Spielens denke ich nicht darüber nach, dass ich gerade in Frankfurt bin.Die Improvisationen entstehen wirklich aus dem Moment  heraus. Aber klar, ich habe zu dieser Stadt eine große Verbundenheit. Hier habe ich angefangen Musik zu machen, bin mit Jazz in Berührung gekommen, habe angefangen Saxofon zu spielen. Hier war und bin ich sehr vielen Einflüssen ausgesetzt, habe viel von der Frankfurter Szene und den Musikern gelernt. Insofern hat Frankfurt für mich eine enorme Bedeutung.

Wann und wie kam denn die Idee, aus diesen Kirchenmomenten eine CD zu machen? Eine CD ist ja kein Moment und keine Momentaufnahme mehr?

Ich hatte schon länger so eine grobe Idee, weil die Konzerte ja fast alle von Armin Reuss, einem Toningenieur beim ZDF, aufgenommen wurden. Armin, selbst auch Musiker, war so begeistert, dass er immer zu den Konzerten kam und die Abende aufgenommen hat. Aber so richtig geplant habe ich lange nichts, weil ich immer sehr selbstkritisch bin. Armin hat mir immer wieder gesagt, du mußt davon mal was veröffentlichen, ich habe ihm dann geantwortet, nee Armin, das ist noch nicht soweit, das dauert noch ich fühle mich noch nicht bei 100 Prozent.  Was ich sagen will, es hat lang gedauert, bis ich mich darauf eingelassen habe, dass von den Aufnahmen etwas genommen werden könnte. Und dann waren plötzlich im letzten Jahr paar Sachen dabei, da dachte ich, ja, jetzt könnten wir es vielleicht angehen. 

Wann bist du zufrieden?

(Christof lacht) Eigentlich nie. Eigentlich bin ich nie zufrieden. Bei einer Aufnahme habe ich sehr gehadert und wollte sie am Ende eigentlich nicht verwenden. Dabei ging es um Kleinigkeiten. Aber in solche Dinge kann man sich natürlich auch hineinsteigern.

Ist das dann auch ein Lernprozess? 

Ja klar, das ist ein Lernprozess, weil Fehler dazu gehören.

Oder das, was man selbst als Fehler empfindet oder als nicht gelungen empfindet

Wird das eigentlich mehr, je länger du spielst, je älter du wirst, oder wird es dann weniger, wirst du dann auch vielleicht etwas großzügiger dir selbst gegenüber?

Interessanterweise nicht. An ein paar Sachen habe ich mich bei der Veröffentlichung gerieben, jetzt bei der Veröffentlichung, es sind eigentlich nur zwei Kleinigkeiten, die vielleicht kaum jemand hört, aber ich höre sie eben. Irgendwann muss man sich damit abfinde, dass es keine Perfektion gibt. Ich denke, das würde jedem so gehen. Wenn andere sagen, das ist toll, das ist wahnsinnig gut, findet man selbst immer noch ein Haar in der Suppe. Ich bin einfach so.

Gibt es denn bei Improvisation überhaupt falsche oder richtige Töne?

Eigentlich gibt es keine falschen Töne, aber es geht ja gar nicht um falsche Töne, sondern es geht um den musikalischen Bogen, den man schafft. Manchmal gibt es einen Moment, an dem man denkt: Hier ist der Bogen nicht ganz rund, hier ist er etwas anders verlaufen, als ich es vielleicht gerne gehabt hätte. Aber meine Musik entsteht aus dem Moment heraus, und mittlerweile denke ich, dass man sie auch so stehen lassen sollte, man kommt ohnehin nie ans Ende. Genau diese Herausforderung liebe ich, man bleibt in Bewegung und kann sich nicht einfach in Routinen verlieren.

Ist das für Dich sehr anstrengend?

Beim Spielen ist es eher nicht so anstrengend, aber klar, 30 oder 40 Minuten in einem Stück zu spielen, das hat schon was, man ist danach auf eine Art und Weise erschöpft, die einfach anders ist. Ob ich glücklich bin, weiß ich gar nicht, eigentlich bin ich dann eher in so einem Nirwana-Zustand. Entweder ich bin total unzufrieden, weil es nicht so gelaufen ist, oder ich bin in einem Zustand, wo ich erst mal mal Ruhe brauche.

Macht sich dein Saxofon dabei auch mal selbstständig?

Eigentlich nicht, das wäre ja noch schöner. Man versucht schon Herr über das Instrument zu sein. Und wenn man nicht Herr über das Instrument sein will, dann lässt man das auch zu. Dann macht das Saxophon schon, was es will, aber ich kann das dann auch gut zulassen.

Jetzt heißt das ganze CD-Projekt ja Odyssea Sonorum, eine Odyssee der Klänge, und die Odyssee ist ja eigentlich eine Irrfahrt?

Klar, es ist auch eine Irrfahrt, weil ich nicht weiß wo sie endet, eigentlich weiß ich noch nicht mal, wo sie anfängt. Ich sitze nicht vorher dem Konzert in der Sakristei und überlegener wie ich beginnen werde. Nach der Ankündigung gehe ich hinaus, und dann entsteht der erste Ton, der erste Moment. Der Idealzustand beim Spielen ist für mich, nicht nachzudenken. Sobald ich darüber nachdenke, welcher Ton oder Tonfolge als nächstes kommen könnte, verzettele ich mich.Es fließt einfach aus mir heraus, all das, was man in den Jahren gehört, gespielt, erfahren und gespeichert hat. Es setzt sich ein Stein auf den nächsten. Dabei spielen Raum und Zuhörer eine große Rolle. Ich merke, wenn das Publikum total konzentriert ist, wenn ich die Stecknadel fallen hören könnte oder wenn eine gewisse Unruhe da ist, das ist alles ein gegenseitiges Geben und Nehmen.

Jeder nimmt etwas mit und man ist am nächsten Tag ein bisschen woanders, als dort, wo man am Tag vorher war?

Wenn ich jetzt mit dem Vorsatz auf die Bühne gehe, ich spiele heute das und das, schauen wir mal, wie es ankommt, das ist mir vollkommen fremd. Ich spiele tatsächlich immer so, wie ich mich in dem speziellen Moment fühle. Ich würde nie etwa abliefern, das mir nicht entspricht. Die Musik, die jetzt auf der CD ist, gibts nur einmal und das ist einmalig. Und ich kann es genauso nicht noch einmal spielen. 

Was ist dein Geheimnis, dein Publikum oder die Menschen an sich auch zu erreichen?

Es ist wirklich der Moment. Ich verstelle mich nicht, ich suche keine Kompromisse, ich bin immer ich. Wenn man es jedem recht machen will, dann merken das die Zuhörer sofort. Für mich besteht der Reiz bei meinen Soloimprovisationen darin, eine Idee aufzugreifen, ohne vorher eine bestimmte Thematik festzulegen, und sie dann weiter zu verfolgen.     Man beginnt mit etwas, bei dem zunächst überhaupt nicht klar ist, wohin es führt. Durch die Improvisation, durch das Aneinanderreihen musikalischer Ketten, entsteht allmählich ein Zusammenhang, und im besten Fall auch eine Emotion beim Zuhörer.

Ein Stück auf dem Album hast du der Saxofon Legende Heinz Sauer gewidmet?

Ja, er war bei diesem einen Konzert im Publikum (Anmerkung: Heinz Sauer hat lang mit Christof Lauer gespielt, er selbst spielt seit einiger Zeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr) und das hat mich sehr gefreut und berührt.

Und ich glaube, das kann man auch hören. Kannst du das auf den Rest des Lebens auch irgendwie übertragen? 

Diesen Schätzen des Moments und Grenzen ausschalten? Ja, ich bin bestimmt dazu fähig. Klar, wenn man im normalen Leben ist, ist das was anderes, aber da kann ich mich auch verlieren. Fortfahren um Anzukommen hat ein Kritiker grade geschrieben, damit kann ich gut leben, weil das eigentlich dem entspricht, warum ich Musik mache. Man ist ständig in einem Prozess und arbeitet, übt und nimmt Einflüsse auf, spielt mit vielen Leuten zusammen, um vielleicht mal die Idee zu haben, anzukommen. Man kommt aber wahrscheinlich nie an. 

Möchtest du wahrscheinlich auch nicht?

Man kommt vielleicht für einen Moment an. Und dann ist es nicht vorbei, dann geht es eben immer weiter. Das ist wahrscheinlich eine Lebenseinstellung. Ich könnte wohl auch ohne Musik leben, ich weiß aber nicht, wie. Es betrifft das ganze Leben. Musik macht die Welt ein bisschen schöner. Ich glaube, ohne Musik wäre die Welt ganz fürchterlich.

Lieber Christof, vielen Dank und bis zum nächsten Mal.

Veranstaltet werden die Kirchenkonzerte mit Christof Lauer jeden zweiten Montag im Monat in der  Frankfurter Alten Nikolaikirche  von der Jazzinitiative Frankfurt, das Konzept wurde gemeinsam erarbeitet. Der Eintritt ist frei, Spenden werden gern angenommen. Die Spenden gehen an soziale Zwecke, nicht an kirchengebundene, das ist dem Künstler wichtig. Zuletzt wurden die Tafel Frankfurt oder Ärzte ohne Grenzen unterstützt. In diesem Jahr gibt es noch zwei Termine, im September und November, im Winter wird es dann kurz mal zu kalt.  

Im Oktober eröffnet Christof Lauer am 13.10. das Deutsche Jazzfestival Frankfurt 2026 um 19.00 Uhr im Foyer vor dem hr-Sendesaal mit diesem Programm Odyssea Sonorum, seinen grenzenlosen Solo Klangbildern, da fällt das Kirchenkonzert am Montag aus. Und schon im September spielt Christof Lauer am zweiten Montag in der Nikolaikirche und dann, am 25.09.,  mit dem Nathan Ott Quartett im Instituto Cervantes ein John Coltrane Programm, andere Projekte sind in Vorbereitung. Es geht immer weiter!

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