FILMTIPP VATERLAND (Paweł Pawlikowski)

filmplakat vaterland

1949 kommt Thomas Mann zum ersten Mal seit 1933 aus dem Exil zurück nach Deutschland. Er bekommt den Goethepreis und soll eine Goetherede halten, gleich zweimal. Einmal in Frankfurt und einmal in Weimar. Das sind nicht nur zwei verschiedene Städte, sondern auch zwei verschiedene Systeme. Es wird eine Reise durch ein physisch wie geistig zerstörtes Deutschland., durch zwei Länder. Ist es wirklich ein „Vaterland“?

1929 bekommt Thomas Mann den Literaturnobelpreis für seinen ersten Roman aus dem Jahr 1901, für die Buddenbrooks. Er beschäftigt sich in seinen Romanen ausführlich mit Politik, Gesellschaft, Familie, seit den 1920er Jahren ist er ein überzeugter Verteidiger der Weimarer Republik und ihren fortschrittlichen demokratischen Ideen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 emigriert er erst in die Schweiz, später in die USA, in Deutschland wird er nie wieder leben.

Heimat, Politik, Gesellschaft und Familie sind auch immer wieder Themen von Regisseur und Oscar Preisträger Pawel Pawlikowski. Er skizziert in „Vaterland“ ein Familiendrama nach dem Krieg in zwei Systemen. Dabei pendelt er elegant zwischen historischer Wahrheit und filmischer Fiction, reduziert sich auf wenige Orte und verdichtet und spitzt in jeder kleinen Szene zu. Tatsächlich war  Thomas Mann mit seiner Frau Katja unterwegs, im Film reist er mit seiner Tochter Erika. Dramaturgisch passt das für den Filmemacher besser, wenn die ewig zweifelnde Tochter, die auch noch ihren geliebten Bruder Klaus Mann durch Selbstmord verliert, den unterkühlten und etwas unsicheren, skeptischen und melancholischen Vater durch ein Land in Ruinen kutschiert. 

Er filmt im Format vom Anfang des Films 1:1,33, er filmt in gestochen Schwarzweiß und er kommentiert pointiert: zum Beispiel als ein amerikanischer Soldat Mann fragt, auf welcher Seite bist du, Stalin oder Mickey Mouse? Wenn er einen Journalisten fragen lässt, war die Emigration  nicht Verrat an Deutschland und Mann antwortet, wenn ich geblieben wäre, könnte ich heute nicht mit Ihnen reden. Wenn die Wagner Enkel Wieland und Wolfgang Thomas Mann bitten, Richard Wagner öffentlich zu verteidigen. Wenn Mann immer wieder fragt, wo ist Zuhause? Und wenn man der wunderbaren Sandra Hüller in jeder Szene anmerkt, wie sehr sie in jeder Szene um eine, um ihre Wahrheit ringt.

Hans Zischler sieht Thomas Mann nicht wirklich ähnlich, trotz des gigantischen Schnurrbarts, und das will er auch nicht. Er sagt zurecht, ich spiele nicht Thomas Mann, ich eigne mir seine Haltung an. Und – wenn ich ihm schreiben würde, er würde antworten. Schöner kann man einen in jeder Hinsicht sehr gelungenen Film nicht kommentieren. Natürlich hätte man noch mehr Themen aufgreifen können aus dem großen Leben von Thomas Mann,, dann wäre der Film etwas länger geworden. Ich finde aber, „Vaterland“ braucht das nicht. Der Meinung war offenbar auch die Jury bei den Filmfestspielen die silberne Palme für die beste Regie bekommen, und wir bekommen einen perfekten Film im Kino. Bewegend, berührend, historisch beklemmend und gleichzeitig  it diese Reise von Sandra Hüller bzw Erika und Thomas Mann durch zwei kaputte Nachkriegsdeutschland aufschlussreich und aktueller denn je.

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