
„Wenn ich traurig bin, gehe ich gern ins Kino. Das hilft, finde ich. Die flimmernde Bildwand trägt einen über allen irdischen Kummer hinweg und hinein in eine Fiktion, wo kein Problem des Alltags mehr Belang hat, und wo man sich verlieren kann, für neunzig Minuten oder länger.“ So fängt der Roman „Schnittblumen machen mich traurig“ von Emil Fadel an, es ist ein wunderbar poetischer Roman über ein Thema, das traurig machen könnte, es aber nicht tut. Im Dunkel des Kinosaals sitzt einer, der immer zu spät kommt, und dem die Traumwelt auf der Leinwand viel lieber ist als der Alltag. Denn in diesem Alltag hat sich die Lebensrealität grundlegend verändert. Ich habe mit Emil Fadel über seine Dystopie gesprochen, über Chaos als Lebensrealität, über Schlupflöcher im allgegenwärtigen Elend, über den Zustand der Welt und das Überleben in der Realität oder doch lieber in der vertrauten Welt des Films? Emil Fadel ist Germanist, Filmwissenschaftler und freier Lektor, „Schnittblumen machen mich traurig“ ist sein erster Roman.
Ein nicht genannter Ich-Erzähler, eine nicht genannte Stadt in Europa, eine nicht genannte Zeit in der nahen Zukunft, das gab’s im Kino zu verschiedenen Zeiten schon öfter, klingt aber auch nach einer sehr schönen Buch-Idee, und, wenn man auf den Zustand der Welt im Moment schaut, ist das erschreckend aktuell. Emil Fadel, Sehen Sie das auch so? Der Roman ist ja nicht heute entstanden, sondern schon vor einiger Zeit?
Lustigerweise würde ich sagen, er ist aktueller geworden, als er fertig war. Ich habe den Roman sehr früh angefangen zu schreiben, ich kann kein fixes Datum sagen, aber in Entwürfen lag er schon 2014 vor, ich habe irgendwann vor 2014 angefangen zu schreiben. Natürlich war vieles in den Grundideen noch nicht da und hat sich dann über die Jahre erst entwickelt, aber es hat mich immer wieder selber in den Revisionsprozessen überrascht, wie nah ich unabsichtlich an Sachen gekommen bin, die dann passiert sind. Also, ohne mir jetzt irgendwie prophetische Qualitäten unterstellen zu wollen, die ganze Corona-Pandemie und was da passiert ist, gesellschaftlich und technisch, das kam, nachdem der Roman fertig war, ich habe ihn 2020 fertig geschrieben. Und ich weiß noch sehr gut, dass in einer der höflichen Absagen, die ich im Laufe der Bewerbung meines Romans kassiert habe, der Mensch, der den Roman gelesen hat, sich wirklich mit dem Text auseinandergesetzt hat. Das ist ja schon mehr, als man hoffen kann, und er hat mir dann so geschrieben: „Ja, Sie haben ja wirklich ein gutes Auge, um solche Sachen zu beschreiben und so. “ Und ich habe gedacht: Ja, das stimmt nur halb, weil ich habe aus Versehen quasi vorgegriffen. Also, eigentlich ist der Roman gar nicht aktuell. Auf der anderen Seite könnte man natürlich sagen: Bestimmte Krisen und gesellschaftliche Entwicklungen sind zeitlos. Also, bestimmte Abläufe kann man immer wieder reproduzieren und immer wieder anwenden auf dieselbe Art von Krise.
Im Kino ist das immer wieder passiert, aber in der Realität? Ich habe das Gefühl, wir sind heute gar nicht mehr weit von der Kino Fantasie entfernt? Bei Blade Runner waren wir weit weg, bei Soylent Green waren wir weit weg, und bei einigen der Filme, die sie in Ihrer Geschichte erwähnen, waren wir auch noch weit entfernt. Aber jetzt? Im Buch befinden wir uns mitten in einer globalen Krise, Satelliten stürzen ab, Handys funktionieren nicht mehr, Chaos wird zur Routine. Ich finde, wir leben schon in einem ganz schönen Chaos im Moment. Hat Sie das erschreckt, als Sie das Buch dann tatsächlich rausgebracht und festgestellt haben: das ist jetzt keine Dystopie, das ist eigentlich schon ziemlich real und gar nicht weit weg?
Ja, ein bisschen schon, auf jeden Fall. Wenn man sich das Weltgeschehen anguckt, dann kann man ja sich ja nur fürchten. Insofern: Ja, das hat mich schon erschreckt. Auf der anderen Seite: Ich hatte den Roman auch immer schon geplant als eine niedrige Dystopie. Bei der Fantasy gibt es ja High Fantasy und Low Fantasy, also entweder mit Drachen und Elfen und Riesen. Und Low Fantasy ist dann so etwas wie „Game of Thrones“ zum Beispiel, wo es eigentlich fast alles relativ nah am eigentlichen Mittelalter ist, aber es gibt natürlich ein paar fabulöse Elemente. Und bei Dystopien könnte man das ja genauso sagen. Es gibt die hochgegriffene Sci-Fi-Dystopie à la „Blade Runner“, wo man irgendwie in der absolut fernen Zukunft ist, und es gibt ein bisschen zurückgedrehtere Dystopien, die gesellschaftlich schon vorstellbar sind, dass das zu unseren Lebzeiten noch passiert. Und da würde ich meinen Roman eher einordnen. Also eine sehr bodenständige Dystopie, deren Ausläufer man schon sieht und spürt. Lustigerweise sind ja auch inzwischen ziemlich viele Satelliten vom Himmel gefallen, von diesen Starlink-Satelliten, die Musk immer ins All schießt, die kommen ja wirklich runter. Insofern, ja.
Beim Lesen Ihres Romans hatte ich das Gefühl, man kann sich mit allem arrangieren. Die Menschen arrangieren sich. Sie haben sich ja auch bei George Orwell 1984 arrangiert, Sie haben sich im Kino in dystopischen Filmen immer weitgehend arrangiert. Man trinkt nachts, und tagsüber geht man zur Arbeit, und es ist alles ein bisschen grau und öde, aber man versucht irgendwie zu überleben und es nicht als grau und öde zu empfinden. Ist der Roman ein Überlebensbuch, oder ist es eine Warnung für das, was wir alles zerstören können und wie es dann halt aussieht, wenn wir nicht aufpassen? Oder ist es einfach auch nur die Lust am Fabulieren gewesen? Weil der Roman ja ein sehr poetisches Buch über eigentlich unzumutbare Zustände ist?
Eine der Hauptmotivationen war ja, dass es immer irgendwie weitergeht. Ein Großteil meiner Verwandtschaft lebt in Syrien. Und ich habe das sehr klar noch in Erinnerung, während des Bürgerkriegs, wie beiläufig der Krieg eigentlich war, wenn wir mit ihnen gesprochen haben. Sie haben uns am Telefon alles derzählt.: Wer Kommunion gefeiert hat, welches Paar sich getrennt hat, der Krieg war nie Thema, weil der Krieg war sowieso da, den hatte man jeden Tag. Und man muss sich leider auch immer noch mit den alltäglichen Sachen auseinandersetzen. Also: Stell dir vor, es ist Weltuntergang, aber du musst trotzdem zur Arbeit gehen und so. Das hat mich wahnsinnig fasziniert, auch eher schockiert, aber es hat ja auch was Faszinierendes, dass Menschen immer irgendwie so einen Weg zurückfinden zum Alltag und zum Geläufigen. Deshalb wollte ich das auf jeden Fall thematisieren, dass es ein Buch darüber ist, dass eigentlich ja nichts mehr so funktioniert, wie wir es heute kennen. Aber es spielt keine Rolle, weil: Wenn morgen alles zusammenbricht, müssen wir übermorgen trotzdem wieder zur Arbeit gehen, oder wir müssen übermorgen trotzdem versuchen, unsere gescheiterte Beziehung zu kitten, oder müssen wir trotzdem versuchen, irgendwie unsere WG aufzuräumen.
Können wir dann eigentlich noch ins Kino gehen?
Ich hoffe es doch, ja. Das ist natürlich auch das Fabulöse daran, das Optimistische an dem Buch ist ja, dass die schönen Dinge bestehen bleiben. Selbst wenn wir irgendwie keine Handys mehr haben und kein Internet gibt es trotzdem Leute, die gerne immer noch an Filme denken und die versuchen, Filme zu gucken und die sich an schöne Dinge erinnern.
Ist dieser dunkle Kinoraum, den sie ja auch thematisieren, in den man sich flüchten kann, aber in dem man auch leben kann, dann auch die Grenze zur Wirklichkeit? Ist die Wahrheit auf der Leinwand dann vielleicht wichtiger als die Wahrheit außerhalb dieses geschützten Raums?
Ich glaube, das ist so ein Schutzmechanismus, den Menschen in Krisensituationen oder in dystopischen Situationen gerne wählen. Eine meiner Inspirationen war „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury. Die Bücherverbrennungen nehmen der Welt das Poetische weg. Alles, was noch existiert, ist im Endeffekt das, was wir heute als Game-Shows und Talkshows kennen. Die Leute kehren im Film ja dahin zurück, dass sie sich die Bücher gegenseitig vortragen, um sie nicht zu vergessen. Und so kann man ja auch quasi den Film sehen als ein Medium, wo jemand die Filme am Leben erhält, in seinen Erinnerungen, indem er immer wieder an diese Filme denkt und sich in diese Situationen flüchtet, die aus den Filmen sind.
Sie sind ja Filmexperte, Sie sind freiberuflicher Lektor, Sie sind Autor. Waren Sie immer schon Autor?
Nein.
Hat dieser Filmexperte reingespielt beim Schreiben? Auf jeder Seite kommt ein Filmzitat. Was mir ja persönlich sehr, sehr gut gefällt, weil daraus eine wirklich runde Geschichten wird.
Ich habe den Roman angefangen zu schreiben in meinen Jahren als Filmstudent. Man steckt ja immer ein bisschen was von sich selbst in sein erstes Buch, das ist ja kein Geheimnis. Und dass ich dann so viel Filme rezipiert habe in der Zeit und auch irgendwie diesen Charakter so entworfen habe als jemand, der gerne über Filme redet oder an Filme denkt, das hat natürlich eine große Rolle gespielt für mein Schreiben. Und ab einem bestimmten Punkt war mir auch klar, dass das ein Plot-Element sein kann. Also, ohne jetzt zu viel zu verraten, aber der Charakter hat ja nicht nur eine Faszination zu Filmen, er hat auch ein Problem mit Filmen. Er ist ein Filmsüchtiger.
Ja, aber es macht ihn auch immer traurig…
Emil Fadel: Ja.
Noch mal die Frage, können die traurigen Bilder im Kino dann die Traurigkeit in der Realität auffangen?
Ich denke schon, es gibt eine poetische Traurigkeit, die Filme oft innehaben. Ich selbst mag solche Filme. Es gibt natürlich auch realistisch traurige Filme, das ist aber was anderes. Diese Filme, die der Protagonist ja auch immer zitiert, sind ja immer Filme, wo es eine Größe gibt in der Traurigkeit. Das sind nicht einfach Menschen, die allein und am Ende sind und elend, sondern das ist immer irgendwie Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart und er sagt: „Here’s looking at you, kid. “ Das ist eine Größe von Traurigkeit.
Ja. Uns bleibt immer Paris.
Emil Fadel: Genau.
Da gibt es ein schönes Zitat in Ihrem Roman: „Das Problem mit unserem Leben ist nicht, dass es nicht so idealistisch sein könnte wie der Film, in dem sich alles zum Guten wendet. Das Problem ist, dass das Leben weitergeht, da, wo der Film einen Strich zieht nach dem Happy End.“ Da weiß jeder gute Regisseur, was dann kommen wird, und Chaplin zum Beispiel war ein Genie.
Absolut. Es gibt einen sehr guten Filmessay von Slavoj Žižek, diesem slowenischen Philosophen, „The Pervert’s Guide to Cinema“, wo er über Kino und Psychoanalyse redet. Und da thematisiert er genau das: Am Ende von „Lichter der Großstadt“, als Chaplin die blinde Blumenverkäuferin trifft, die dann nicht mehr blind ist und ihn dann an seinen Händen erkennt. Als nicht diesen großen Millionär, für den sie ihn, als sie blind war, gehalten hat, sondern als einen Bettler. Und dann realisiert sie dass er der Mann ist, auf den sie so lang gewartet hat. Und er guckt sie an mit so einem ganz irren Ausdruck im Gesicht, der so zwischen Freude, Angst und Traurigkeit alles sein kann, und dann endet der Film. Es wird nicht gezeigt, was passiert, es endet einfach genau da. Chaplin hat das verstanden hat wie kaum ein anderer Regisseur, dass das den Film tausendmal besser macht, als wenn es irgendeine Erzählung gibt, egal in welche Richtung. Happy End oder nicht. Oder doch?
Ist dieser Typ in Ihrem Roman dann einfach auch so, wenn er morgens das Chaos aufräumt, was nachts entstanden ist, weil halt gefeiert wird, weil man sonst nichts anderes hat, und dann geht es einfach mit einem neuen Tag immer weiter, ohne Lösung?
Absolut. Ich meine, so ist es ja leider und zum Glück im Leben. Es geht ja immer irgendwie weiter. Man muss, man hat nie die Gelassenheit, zu sagen: „Ach ja, jetzt kann ich hier, habe ich diese letzte große, tolle Szene, und dann ist Ende. “ Sondern man muss sich ja immer noch am nächsten Tag irgendwie überleben.
Wir müssen jetzt noch mal kurz auf die Schnittblume kommen, sie kommt etwa in der Mitte des Romans vor, nicht bei ihm sondern bei einer alten Dame.Warum wurden diese Schnittblumen Titel für so eine dystopische Geschichte?
Der Titel ist eigentlich von einer Kurzgeschichte, die ich mal geschrieben habe. Die Entstehungsgeschichte von diesem Buch ist: Am Anfang habe ich nur Kurzgeschichten geschrieben, weil ich mir nichts Längeres zugetraut habe, und auch, weil ich nicht wirklich so eine große Inspiration hatte, irgendwas viel Längeres zu schreiben. Ich habe super gern Kurzgeschichten geschrieben, die kann man viel leichter aufziehen mit Aufbau, Mittelakt, Pointe, fertig, sieben Seiten, wunderbar. Bei einem Roman fangen die Probleme an. Dann muss man auf Seite 130 noch mal überlegen: Was habe ich eigentlich am Anfang erzählt? Ich habe also nur Kurzgeschichten geschrieben, aber Kurzgeschichten haben in Deutschland ja leider einen schrecklich schlechten Stand. Im Vergleich zu Amerika, wo man ja mit Kurzgeschichten alleine berühmt werden kann, wie zum Beispiel Stephen King oder T. C. Boyle. In Deutschland geht das nicht. Man kann als Erstling keinen Kurzgeschichten Band veröffentlichen. Deshalb habe ich mir überlegt: Wie kann ich diese Kurzgeschichten irgendwie einfassen? Einige waren ähnlich im Aufbau und ähnlich in der Sichtweise. Es waren immer ichpersonale Erzähler, ein bisschen Träumer. Und dann hatte ich die Idee: Ich baue einen Roman als Rahmenhandlung, und diese Kurzgeschichten werden kleine Erlebnisse, die dieser namenlose Protagonist dann erlebt. Über die Zeit und die ganzen Lektorate sind viele von den Kurzgeschichten auch wieder eingedampft oder so zusammengeschmolzen worden, dass man sie eigentlich nicht mehr erkennt. Aber die Schnittblumen-Kurzgeschichte ist noch drin. Und sie hat dann in dem Roman den Titel dem Roman gegeben. Und ich habe es einfach die ganze Zeit als Arbeitstitel behalten, weil ich ehrlich gesagt keine bessere Idee hatte. Der Titel hat mich einfach immer fasziniert. Der hat einfach was. Der verrät nichts über das Buch, und das ist auch gut so. Aber er klingt interessant genug, dass man das Buch in die Hand nimmt, hoffentlich.
Wohin haben Sie sich denn geträumt beim Schreiben?
Als ich das Buch angefangen habe zu schreiben, habe ich viel darüber nachgedacht, wo mich das Buch hinbringt. Man ist ja jung und optimistisch. Und je länger ich an dem Buch geschrieben habe und je mehr ich auch so mitgekriegt habe, wie das alles so läuft, erste Open Mic Lesungen, erster Verlagsvertrag und so, habe ich mich dann eher so ein bisschen wie Patrick Süßkind geträumt, in ein kleines abgelegenes Haus, keinen Kontakt zur Außenwelt.
Ein Buch geschrieben und unsterblich geworden?
Genau, aber auch dann nie wieder darüber geredet. Aber jetzt würde ich sagen, habe ich mich so langsam in der Mitte angesiedelt. Also ich bin absolut zufrieden, dass das Buch da ist.
Ist das Buch auch ein Aufruf, wir lassen es doch nicht so weit kommen? Oder ist es ein vorauseilender Trost, wenn es so weit kommt? Gibt es immer eine Möglichkeit, sich das Leben doch irgendwie schön zu machen? Ich meine, wir wollen ja nicht so viel verraten, aber ich finde ihn sehr sympathisch und ich finde auch, dass er eine gute Möglichkeit findet, zumindest weiter zu suchen.
Ich finde, beides ist eine mögliche Lesart. Jedes Buch, das sich irgendwie damit auseinandersetzt, wie die Dinge gerade laufen und wie sie vielleicht morgen laufen werden, muss man ja eigentlich als Warnung verstehen, wenn man sich selbst als wachsamer und aktiver Mensch versteht. Aber gleichzeitig finde ich wichtig, dass Literatur auch einfach immer mehr sein muss als nur ein Aufruf zur Aktion. Deshalb finde ich es eine kleine Beruhigung, selbst wenn alles zu Scherben wird, können wir trotzdem noch ins Kino gehen. Das ist auch eine gute Botschaft, die ein Buch haben kann.
Ich finde ja, bei Soylent Green gibt es ja am Ende auch eine Botschaft, egal wie schlimm das Ende ist, es ist zumindest ein Sonnenuntergang.
Genau. In diesem grauen Neon. Ja, das macht gute Dystopien aus. Es gibt natürlich auch die Orwell-1984 Art von Dystopie, die ja wirklich als reine Botschaft zu verstehen ist und die natürlich auch in keiner Weise optimistisch endet. Aber ansonsten finde ich, das hat immer einen Mehrwert, wenn man auch eben am Ende den Sonnenuntergang zeigt. Machen wir uns nichts vor, es kann elend werden, aber es muss nicht alles elend sein. Man kann auch immer am Ende noch mal so ein bisschen darauf hinweisen, im Kino läuft ein guter Film.
Oder man kann Bücher in die Hand nehmen. Sie haben ja jetzt nicht nur eine Geschichte geschrieben, sondern Sie haben auch sehr viel Wert auf einen sehr poetischen Stil gelegt. Wie wichtig ist Ihnen die Sprache dabei?
Sehr wichtig. Ich finde auch als auch Lektor, Sprache macht alles aus bei einem Buch. Im Bereich des politischen Sachbuchs kann man das am ehesten nachvollziehen. Die Botschaften des Buches sind ja harte Fakten. Das heißt, ob jetzt das Buch mir gefällt oder nicht, hat nichts mit den Fakten zu tun. Die sind ja da, es geht um die Frage ist, wie werden diese Fakten präsentiert. Ich bin nicht so ein akribischer Autor. Es gibt ja manche Autoren, die sich hinsetzen und drei Wochen überlegen, wie schreibe ich, dass der Charakter die Treppe hoch geht. Ganz so schlimm ist es nicht. Mir war es gerade bei dem Protagonisten wichtig, dass er eine Sprache hat, die analog ist, wie Filme funktionieren. Filme haben ja eine inhärente Bildsprache und der Protagonist benutzt, finde ich, wenn es mir einigermaßen gelungen ist, auch eine Bildsprache, die dazu passt. Er hat oft so eine schweifende Art zu erzählen. Nicht nur die Bildsprache, sondern wenn er selber nicht weiter weiß, dann hat er immer ein Bild eines Films parat, die ihm dann weiterhelfen.
Ich weiß, Sie werden das vermutlich immer gefragt, aber ist es auch etwas in der eigenen Biografie, als Sohn eines sehr poetischen und sehr bekannten Schriftstellers, so auch weiterzumachen? (Emil Fadel ist der Sohn von Rafik Schami)
Ja, auf jeden Fall. Das ist kein Geheimnis. Ich habe eine wunderbare Beziehung zu meinen Eltern. Das ist keine Thomas-Mann-Familie. Meine Eltern sind beide Schriftsteller. Dadurch, dass ich von klein auf immer gelesen habe, hilft es, eine Sprache zu gewinnen. Ich würde sagen, es gibt keinen direkten Bezug, weil sowohl mein Vater als auch meine Mutter schreiben anders, also aus einer anderen Motivation heraus und auch über eine andere Technik entwickeln sie ihre Geschichten. Insofern sind wir alle relativ, jeder auf seinem eigenen Pfad. Aber dadurch, dass ich von klein auf Geschichten gehört habe, Bücher vorgelesen bekommen habe und dann irgendwann selber gelesen habe, das macht ja etwas mit einem. Man ist dann irgendwann an dem Punkt, wenn man so viel aufgesogen hat, dass man dann sagt, jetzt will ich auch etwas machen.
Die Widmung im Buch, Für R und S, die mich immer begleiten, ist das für Ihre Eltern? Und kann diese Beziehung in der eigenen Biografie auch zur Belastung werden? Also immer … der Sohn von …?
Ich bin ja jetzt glücklicherweise noch nicht so lange im Business, dass es eine Belastung hätte werden können. Aber ich weiß das natürlich von der Biografie meiner Mutter. Meine Mutter war schon Schriftstellerin, bevor sie meinen Vater kennengelernt hat. Aber sie ist immer wieder unter den Schatten gestellt worden. Nicht von ihm, sondern von anderen Leuten. Das kann natürlich eine Riesenbelastung sein. Sie hat das immer ganz tapfer und groß ertragen, wenn irgendwelche Veranstalter oder Journalisten blöd waren. Aber ich weiß, dass ihr das zu schaffen gemacht hat. Mein Hauptgrund, warum ich mich entschieden habe, da jetzt kein Geheimnis draus zu machen, ist, weil ich weiß, es kann immer eine Belastung sein. Selbst wenn man versucht, das unter den Deckel zu halten, wenn man jedem im Vorfeld sagt, das will ich nicht thematisieren, das wird immer thematisiert. Deshalb muss man lieber eine Gelassenheit entwickeln. Wir haben das damals im Verlag besprochen, dass in die Vorschau gedruckt werden soll. Ich habe gesagt, ja, machen wir. Es ist mir wichtig, dass es nicht so wirkt, ah, der will das geheim halten. Man muss einmal googeln, dann weiß man das.
Was nehmen wir denn jetzt mit aus dem Buch? Ich könnte jetzt noch viele andere Fragen stellen aber ich muss nicht. Weil auch so viel zwischen den Zeilen steht.
Ich würde sagen, es bleibt auch absolut offen. Ich habe das extra so beschrieben, dass jeder am Ende mitnehmen kann, was er möchte. Das war mich wichtig beim Schreiben. Ich meine, es steckt ja eine große Portion von mir selbst in dem Buch, auf die eine oder andere Weise. Und ich glaube, was ich mitgenommen habe beim Schreiben bzw. reingegeben habe in das Buch und jetzt jeder mitnehmen kann beim Lesen, ist so ein gewisser poetischer Optimismus, dass quasi, egal wie die Dinge laufen, man immer so ein bisschen einen Schritt zurücknehmen kann und die Welt angucken kann und man sieht auch die kleinen, schönen Dinge. In einem Riesenheuhaufen von schlechten Dingen gibt es immer auch irgendwo eine Nadel von was Kleinem, Schönem. Das ist die Message.
Schnittblumen sind ja inhärent poetisch traurig. Weil wir jetzt so viel über die Traurigkeit gesprochen haben, braucht man die Traurigkeit auch zum Glück?
Ja, auf jeden Fall. In meinem Empfinden, vielleicht auch durch Filme geprägt, ist Traurigkeit eine der besten Emotionen, die wir haben, weil die uns erst lehrt, andere Emotionen, gerade Glück und Zufriedenheit wertzuschätzen. Also wenn man mal richtig traurig war und richtig am Ende im Leben dann erst, hat man so einen gewissen Grasp, sagt man auf Englisch, einen gewissen Begriff davon, wie schön Glück ist. Wenn man immer glücklich ist, isst man im Endeffekt ein Toastbrot. Dann hat man einen Zustand. Aber wenn man mal traurig war und so quasi Ups und Downs hat, dann lernt man, was Glück eigentlich ist und wie toll Glück ist. Das ist ja auch, was der Protagonist lernt im Laufe des Buches. Der ist auf jeden Fall eher von der traurigen Sorte, aber am Anfang ist er ja schon noch, würde ich sagen, von seinen Emotionen her so ein bisschen Tumbator, eher unbedarft. Und über den Verlauf des Buches wird er auch mal richtig traurig. Und deshalb kann er sich charakterlich entwickeln.
Dann sind wir glücklich, dass das Buch jetzt raus ist. Stell dir vor, es ist Weltuntergang und keiner geht hin. Danke für das Gespräch. Und alles Gute damit. Danke Emil Fadel
Dankeschön. Ich bin eher von der abergläubischen Sorte. Heute kam das Buch ja an, ich hab bis heute nicht dran geglaubt, dass alles gut geht. Ich hab gedacht, der Verlag brennt ab, mein Haus brennt ab. Man weiß ja nie. Es kann ja immer irgendwas passieren. Aber jetzt…Dankeschön.
Ein Gespräch mit Emil Fadel gibts auf der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 11.10.26 um 10 Uhr, er liest auch aus seinem Roman Schnittblumen machen mich traurig. 10:00 Uhr (Stand Edition W Halle 3.0, Stand C 105)
Daniella Baumeister
